«Stellst Du Dich?»

«Stellst Du Dich?», fragte mich vor 15 Jahren mein damaliger Coach. Ja, ich wollte mich stellen.

Aber gefühlt waren es doch Andere, die mich verletzt und aus der Bahn geworfen hatten, die meine Identität verzerrt und meine Widerstandsfähigkeit nahezu gebrochen hatten. Ich fühlte mich als Opfer, weniger als Täter.

Und ich musste noch mehr hören: «Du hast versagt. Zu viel – masslos – Du bist nicht mehr Du selbst … Stell’ Dich dem, bitte.»

Es klang schon fast demütig und inständig bittend. Gott sei Dank, denn es hätte auch tief verurteilend und verletzend sein können, aber das war es nicht. Es war gut so.

Dennoch:  Klatsche. Ohrfeige. Eiskalt. Den Mann, den ich da plötzlich sah, im Licht der freundschaftlichen Ermahnung, dieser Mann wollte ich nicht sein. Das konnte alles… nicht wahr sein. Ein Alptraum.

Ich kämpfte, wie bislang immer, ich rang, mit Dingen, Verhältnissen, Menschen, mit mir, mit Gott … und der Welt.

Doch dann brauchte es den körperlichen Stillstand. Keine Arbeitsfähigkeit mehr. Keine Konzentration mehr. Das starke Herz war aus dem Takt geraten. Ein Bein war ab dem Knie gelähmt, an Bewegung im Freien war nicht zu denken, für Wochen. Und erst jetzt spürte ich den Widerstand, der mich in täglich kleinen «Bissen», das Brot der Wahrheit lehrte.

Verantwortung musste ich nun ergreifen für mein schieres Überleben, in ganz kleinen Portionen. Tägliche Übungen, tägliche Routinen, angepassten Sport, und davon in kleinen Portionen mehr und mehr. Und das «Sterben-Lassen», die Aufgabe von Aufgaben, das Abgeben von Verantwortung, dort, wo ich sie – für jeden erkennbar – nicht mehr tragen konnte.

Mein erstes neues «Projekt» war dann ein Rückzug. Für ein paar Tage – ich weiss gar nicht mehr, wie lange – ging ich in den Wald, soweit, dass mir fast niemand begegnen konnte. Ohne Strom, nur Wasser aus einer Quelle. Aber ein Holzhäuschen, ein Herd, eine Matratze und eine Küche wie in den ersten Kindertagen. Und Papier, viel Papier, und etwas zu schreiben.

Und ich musste das tun, was ich nicht gut kann: Warten.

Ganz langsam kam es dann, wie Morgendunst aus dem Waldboden: Ich.

In allen Schichten und Facetten. Und die Wahrheit über mich und mein Leben. Es war krass.

Doch ich stellte mich, und ich wollte einen neuen Weg gehen. Weil Gehen aber noch nicht so gut ging, nahm ich ein Fahrrad – und fuhr – mit sehr wenig überlebensnotwendigem Gepäck – ins Ungewisse. Schliesslich im «Ungewissen» angekommen, tat ich als erstes – nichts.

Ich musste zuerst sehen, was ich da – wo ich nun bleiben konnte – eigentlich wollte. Wieder musste ich mich stellen, immer mehr, immer häufiger. Aber an Arbeiten war immer noch nicht zu denken. Und so wagte ich es, wieder zu Wandern. Zu Denken. Zu Schreiben. Zu Kochen.

Eines Morgens bin ich dann erwacht und mir fiel auf, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon zehn Tage lang fast ununterbrochen an einem Computernetzwerk gearbeitet hatte. Einfach so, alleine, ohne einen anderen Menschen. Da war etwas gewachsen in mir, was tief zu mir gehörte: Denken, Erfassen, Konzipieren, Organisieren. Unmerklich war ich selbst wieder gewachsen.

Und ich stellte mich dem, was ich geworden war. Aus mir selbst und den Geschenken, die ich als «Wegzehrung des Lebens» mit auf den Weg bekommen hatte.

Nichts war wie früher. Nichts konnte so bleiben wie es war. Aber ich konnte neu beginnen, immer wieder neu beginnen, alleine aus diesem wieder-entstandenen Verhältnisses zu mir selbst. Wirklichkeit spürst Du nicht dann, wenn Du geradezu alles «verschlingst», was Du siehst, sondern wenn Du siehst, was ist. Wenn Du annimmst, wer Du wirklich bist. Und Dich in Verantwortung zu Deiner Welt positionierst. Wirklichkeit ist etwas, das Dich unbedingt angeht und dem Du Dich nicht entziehen kannst.

Stell Dich!

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