Selbstüberschätzung

Mist. Ich war im Mist gelandet. Nicht ein bisschen. Nein, ich steckte bis zur Oberkante der Unterlippe im Misthaufen. Was war passiert? – Es ist eine wahre Geschichte.

6 PS zogen an dem Schlitten in der Mistrinne des mit 80 Kühen gut bestückten Stalls, irgendow im Hohenlohe der 70er Jahre. Ich war alleine mit den Tieren. 5:20 in der Frühe, nachdem sämtliche anderen Mitglieder des ein wenig heruntergekommenen Bauernhofes nach und nach erkrankt waren und mit Fieber im Bett lagen. “Du schaffst das!”, hatte mir der Bauer noch am Vorabend gesagt. “Ich schaff das!”, raunzte ich dann auch Hans, den 280 kg schweren Eber auf dem Hof an, mit dem ich – wie jeden Tag – meinen Morgenschwatz gehalten hatte. Und fast hätte ich es tatsächlich geschafft, voller Mut, voller Kraft, mit Anfang 20, gross gewachsen, gute 90 kg schwer. Pure Power, dachte ich im stillen. “Ich schaffe das”!

Doch dann klemmte das Ding. Der Schlitten klemmte einfach! Den groben Mist hatte ich schon zur Seite geräumt, die Tiere waren schon gemolken und es war mittlerweile kurz vor 7. Jetzt wollte ich nur noch “schnell” den Mist von 80 Kühen endgültig beseitigen, an den Rand des Stalls, auf den im Innern liegenden Miststock. Rausfahren mit dem Trecker, auf den gigantischen Misthaufen hinter dem Stall, auf dem sich tagsüber rund 200 Hühner tummelten, um “ihren Wurm des Tages” zu finden, das konnte ich ja später, dachte ich…

Doch das Ding klemmte. Und kurzen Prozess wollte ich nun machen: Mit roher Gewalt hakte ich die Mistgabel in das bärenstarke Drahtseil ein, eine Zinke drüber, und mit roher Kraft eine Zinke darunter, und wieder eine drüber… und dann: Ein Ruck, und ich sah die Mistkarre in der Rinne vor meinen inneren Augen schon wieder frei und ihre Arbeit für mich machen.

Aber es kam anders: Der Ruck funktionierte, jawohl, das hatte ich richtig eingeschätzt. Aber ich bekam die Mistgabel nicht sofort wieder von dem Drahtseil, und loslassen wollte ich auch nicht, sondern ich hielt mit aller viehischen Kraft, derer ich in diesen Tagen fähig war, an der Gabel und am Seil fest… und nun riss mich der Schlitten mit, gut 6 oder 7 Meter, bis das Gefährt und der Hitzkopf und die Gabel in dem gut gefüllten Miststock “plangemäss” zum Stehen kamen. Im Mist allerdings, bis zum Hals drin, und ich konnte gerade noch Luft holen. Und nun, ganz langsam, liess ich los…

Ich liess die Gabel los, weil sie zu nichts mehr nütze war, aber auch die Vorstellung, dass ich “es schaffen” würde, denn nun war ich bis auf die Knochen durchtränkt mit Mist und Jauche, und der ganze Stall schrie vor Schreck, denn auch die Tiere – Rinder wie Schweine im Nachbarstall – hatten den Schlag mitbekommen, der das ganze Sch…öne Geschehen begleitet hatte. Und kaum zu beruhigen war das Vieh.

Sechs Pferdestärken war der Elektromotor stark, das ist eine Kraft, die 450 kg in einer Sekunde einen Meter hoch hebt. Hätte ich nur eine Sekunde nachgedacht, ich hätte es gar nicht erst versucht. Aber ich hatte mich überschätzt. Und ich konnte ausser den Stallstiefeln alles wegwerfen, was ich am Leib trug. Ich selbst brauchte drei Tage und 6 Duschgänge, um eine oleofaktische Erinnerung an des Ereignis nicht mehr im Vordergrund einer Erstbegegnung mit mir stehen zu lassen. Vulgo: Ich stank tagelang.

Die Geschichte ist wahr, und sie wiederholt sich tagtäglich in vielen Unternehmungen, in den Start-ups vorneweg, aber auch in manch verzweifeltem Betrieb, der um sein Überleben kämpft. – Auch mir ist es später, als Unternehmer, immer wieder mal passiert. Solche Dinge können sich leicht wiederholen, und keiner ist davor gefeit.

Sich selbst zu überschätzen, das ist gar keine so “grosse Sünde”. Es ist – im Kern – viel eher ein Zeichen von Mut und Selbstvertrauen und einer erkennbaren Kraft. Aber es ist brandgefährlich. 3 Tage Dauerduschen, wie ich das in meinem Mist-Erlebnis gemacht habe, das ist noch die geringste aller denkbaren Sanktionen, die solch ein Verhalten nach sich ziehen kann. Es gibt Schlimmeres.

Heute versuche ich meinen Klienten immer und immer wieder nahe zu bringen, dass es nur ein Gegenmittel gibt, das einerseits die positiven Kräfte des sich Selbst-Schätzens (kommt von Schatz!) bewahrt, und das andererseits etliche andere Perspektiven in das Geschehen einbringt, die helfen, die Realität in ein gesundes Verhältnis zu den eigenen Möglichkeiten zu bringen: Das ist Team-Einbindung, mehrere Meinungen hören, Freunde haben, die einem die Wahrheit sagen, selbst wenn sie unangenehm sein sollte, etc.

Wer kurz vor der Landung im überdimensionalen unternehmerischen “Misthaufen” steckt, und mehr über sich und seine “Landemöglichkeiten” erfahren möchte, der oder die kann mich gerne ansprechen. Ich habe mehr als ein Ohr…

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